Mittwoch, 11. November 2015
639 - Boreout
Ich finde es zur Zeit total anstrengend, obwohl ich für die Arbeit so gut wie gar nichts zu tun habe. Ich setze mich Morgens an den Rechner und warte. Und überlege mir, was ich so machen könnte. Das ist gar nicht so einfach, denn ich muss ja am Rechner sein und erreichbar sein. Kein Problem, das hört sich doch super an, sagen mir viele, denen ich davon erzähle. Viele meinen auch, dass sie sich das mal wünschen würden. Ich finde es einfach nur noch ätzend.

Es ist unglaublich langweilig, die Zeit geht einfach nicht rum. Und das ist ja nicht erst jetzt seit letzter Woche so, nein, dass geht ja jetzt schon mehr oder weniger ein ganzes Jahr so. Bore out, meinte einer meiner Kollegen letztens. Ich nehme nicht an, dass er es wirklich ernst meinte, es trifft den Nagel aber ganz gut auf den Kopf.

Manchmal traue ich mich gar nicht darüber zu sprechen oder mich zu beklagen. Die meisten meiner Freunde haben kein Verständnis dafür, sie rühmen sich alle damit wie viel sie zu tun haben. Ich hätte es doch im Gegensatz zu ihnen so verdammt gut, denn ich müsste mal nicht den ganzen Druck und Stress aushalten. Verstehen kann das wohl nur der, der solch eine Situation schon einmal erlebt hat. Es geht hier nämlich nicht darum, dass ich nicht will, sondern dass ich einfach nicht darf bzw. es einfach keinen Platz für mich gibt. Und das ist unglaublich frustrierend.



Dienstag, 10. November 2015
638 - Die Angst um das Baehrenkind
Ich habe so den Eindruck, dass gerade meine Familie zur Zeit ein wenig Angst um das Baehrenkind hat. Nicht weil ich mich verantwortungslos verhalte, sondern eher wegen der Fehlgeburt meiner Stiefschwester, die bei ihrem ersten Kind genau zu dieser Zeit passierte. Ich habe das auch im Hinterkopf und höre immer wieder in mich rein, ob ich das Baehrenkind spüre. Das tritt oft auch ganz zuverlässig, wenn ich mich unsicher fühle, als würde es spüren, dass ich jetzt eine Bestätigung brauche.

Aber auch meine Eltern scheinen sich da Gedanken zu machen, auch wenn sie es nicht ansprechen. Mein Vater rief die Tage an, nur um zu fragen, wie es mir geht. Dabei war er gerade von seinem Urlaub zurück, der mehr als bescheiden verlaufen war. Das war aber nicht so wichtig. Auch meine Mutter fragt jetzt wieder vermehrt wie es mir geht und ob mit dem Kind alles in Ordnung ist.

Vorhin hat meine Oma angerufen. Eigentlich um nochmal wegen der Hochzeit zu gratulieren und zu sagen, dass es ihr Leid tut, dass sie nicht kommen konnte, da sie krank war. Und sie fragte dann auch gleich nach dem Baehrenkind und ob alles in Ordnung wäre. Und sagte mir, dass sie ganz oft an mich denken würde.

Es ist schön zu wissen, dass alle an mich denken und Anteil nehmen. Aber irgendwie ist es auch schwierig mit dieser nicht ausgesprochenen Angst umzugehen. Vielleicht sollte ich zumindest mit meiner Mutter nochmal darüber sprechen, denn es zu verschweigen bringt ja gar nichts.



Montag, 9. November 2015
637 - Die Zahl zwölf
Als ich heute beim Bad putzen das Radio laufen hatte, kam ein Aufruf Kindergeschichten zu erzählen. Und zwar von Dingen, die man früher falsch verstanden hat. Oder wovon man als Kind überzeugt war oder so ähnlich. Auf jedenfall ist mir da meine Geschichte mit der Zahl zwölf eingefallen, eine Sache, die ich lange nicht verstehen konnte.

Da ich als Kindergartenkind immer geweint habe wenn meine Mutter auch nur ein paar Schritte von mir weg war, hatten meine Eltern beschlossen mich in die Vorschule zu geben. Ich habe Ende Juni Geburtstag, war also ein Muss-Kind, aber ein ganz junges, so dass alle meinen Eltern erklärten, dass mir die Vorklasse bestimmt gut tun würde. Außerdem war ich als Kind sehr zierlich und schaffte weder mit knapp sechs noch ein Jahr später die 20 Kilo Körpergewicht auf die Waage zu bringen. Meine Eltern waren zuerst von der Vorschule nicht so überzeugt, da ich schon mit fünf angefangen hatte zu lesen, schreiben und rechnen.

Den Schulweg zur Vorschule ging ich jeden Tag mit einem Mädchen, dass einige Straßen entfernt wohnte. Das klappte ganz gut und ich hörte irgendwann auch auf zu heulen. An einem Tag waren ganz viele Schnecken auf dem Weg und wir fingen an sie aufzusammeln und genauer zu betrachten, denn alle hatten unterschiedliche Häuser. Dabei vergaßen wir die Zeit, so dass die Lehrerin der Vorschulklasse unsere Eltern alarmierte und meine Mutter sich auf die Suche begab.

Als wir dann mit Verspätung in der Vorschulklasse ankamen, schimpfte die Lehrerin mit uns. Aus Erwachsenensicht heute würde ich sagen, sie wollte uns klar machen, dass sich alle Sorgen um uns gemacht hatten. Das versteht man als Kind aber nicht immer. Das Schlimmste aber wäre, so die Lehrerin, dass wir an diesem Tag einen Teil des Unterrichts verpasst hätten. An diesem Tag war die Zahl zwölf dran (wir lernten wohl die Zahlen von eins bis zwölf) und sie erklärte uns, dass wir nun erstmal nicht wissen würden, was es damit auf sich hätte. Da für mich zu diesem Zeitpunkt weder Zahlen noch Buchstaben ein Geheimnis waren und ich mich in der Vorschule sowieso zu Tode langweilte, verstand ich überhaupt nicht, was sie uns mit ihrem Geschimpfe sagen wollte. Ich verstand nicht, was so schlimm daran war, verpasst zu haben, wie sie die Zahl zwölf vorzeigt und die ganzen Kinder versuchen sie krakelig in ihr Heft zu malen. Mir war diese Zahl bekannt, so wie viele andere auch. Eine Zeit lang fragte ich mich, ob die Lehrerin vielleicht nicht so intelligent war und nicht so viele Zahlen kennt und es für sie deswegen so wichtig war. Erst viel später habe ich verstanden, dass die anderen Kinder alle nicht so weit waren wie ich und es für sie eine ganz besondere Leistung war den Stift überhaupt so zu halten, dass sie irgendwas erkennbar zu Papier bringen konnten.

Zum Glück haben meine Eltern den Fehler mit der Vorschule bei meiner Schwester nicht gemacht, obwohl es ihnen auch dort empfohlen wurde. Meine Schwester ist ein Kann-Kind, hätte also noch gut ein Jahr im Kindergarten bleiben können oder eben in die Vorklasse gehen können. Der Kindergarten weigerte sich sie zu behalten, sie würde die anderen Kinder "tyranisieren". Jetzt nicht mit Schlägen oder bösen Worten, sondern mit ihren Vorstellungen. Da meine Schwester recht früh von mir lesen gelernt hatte, wollte sie allen anderen Kindern vorlesen und die hatten dann gefälligst ruhig zu sein und zuzuhören. Das war ein Grund mehr für meine Eltern meine Schwester direkt einzuschulen, gegen alle Ratschläge. Und aus heutiger Sicht mit das Beste, was sie machen konnten.