Was tut man, wenn man eine Familie kennt, bei der man sieht, dass sie das Leben des Kindes versauen? Die Situation ist wie folgt: Kind wurde im Kindergartenalter adoptiert, Auslandsadoption aus einer Stadt mit viel Gewalt. Das Kind war schon damals verhaltensauffällig und provozierte gerne. Außerdem löste es jedes Problem mit Gewalt. Die Eltern hatten zu dem Zeitpunkt eine Katze, die einem die Sahne vom Kuchen leckte und das durfte weil's ja so süß ist. Und genau so sind sie an die Erziehung des Kindes rangegangen. Heute steht es am Rande der Pubertät, ist von der Schule geflogen bzw. war dort seit einem halben Jahr nicht mehr. Freund sind alle älter und anscheinend nicht grade die nettesten Menschen, um es mal freundlich auszudrücken. Schuld an der Misere sind natürlich die anderen, die unfähigen Lehrer zum Beispiel. Für das Kind hat es keine Konsequenzen, mein Gefühl sagt mir, dass er demnächst im Gefängnis landet, wenn es so weiter geht. Aber man kann nichts tun. Oder doch? Das Jugendamt benachrichtigen? Mit den Leuten reden, worin ich ja gar nicht gut bin? Oder sie doch einfach ins Unglück laufen lassen? Irgendwie schwierig.
Durch einen Link der Studienfreundin bin ich auf
diesen Bericht einer Mutter über ihr Schreibaby gestoßen. Wenn ich das so lese, dann muss ich sagen, dass wir wirklich Glück hatten, dass es beim Baehrenkind stetig bergauf geht. Denn ich gehe bzw. ging nach vier Monaten Dauergeschrei auf dem Zahnfleisch.
Es ist mutig von der Mutter ihre Gefühle so offen aufzuschreiben, aber es ist auch so wichtig. Wie oft habe ich erlebt, dass meine Umwelt nicht verstehen konnte, warum ich so fertig bin. Es muss doch einen Grund für das Schreien geben, zumindest glaubten das die anderen Menschen um mich herum. Entweder hatten sie gute Tipps oder kannten wen bei dem es ähnlich war und wo es schlagartig mit x (hier beliebiges Hilfsmittel einsetzen) geendet hat oder sie erzählten mir, dass ihr Kind auch viel geweint hat. Doch wer kein Schreibaby hatte kann nicht nachvollziehen was es bedeutet und dass das Kind nicht nur weint, sondern schreit. Anhaltend und nicht stillbar. Und niemand, der sowas nicht selbst durchgemacht hat, kann nachvollziehen, was es mit einem selbst macht.
Es gibt so viel worin ich mich in dem Artikel wiedererkenne. Sanftes Aufwachen war auch beim Baehrenkind nicht vorgesehen. Ich erinnere mich, dass ich vor Glück geweint hab, als ich vor ca. vier Wochen wach wurde und ein zufrieden glucksendes Baby neben mir liegen fand. Das Baehrenkind hat auch nie geschmatzt oder am Fäustchen genuckelt um mir dezent mitzuteilen, dass sie Hunger hat. Sie hat gebrüllt. Und zwar genauso wie sie sonst auch gebrüllt hat.
Auch bei uns war Bauchweh zuerst die Ursache für ihre viele Schreierei. Meine Hebamme, die sehr engagiert war, erklärte uns, was mit der Verdauung eines so kleinen Wesens passiert, nachdem es auf die Welt kommt und Nahrung verarbeiten muss. Und in unserem Fall war das ja ein hin und her zwischen Pre und Muttermilch. Doch mittlerweile bin ich mir sehr sicher, Bauchweh hatte das Baehrenkind nicht. Denn Fliegergriff, Fencheltee, Bauchlage, Fahrrad fahren und Pupsmittelchen halfen alle nicht.
Auch beim Osteopathen waren wir. Der Wunderheiler, wenn man vielen anderen Menschen glauben schenken mag. Wie oft hört man, dass die Babys nach einem Besuch beim Osteopathen aufhören zu schreien. Unseres nicht, wir erlebten ähnliches wie in dem Artikel, nur dass wir nicht 150 Kilometer einfache Strecke fahren mussten.
Ich möchte hier gar nicht alles aufzählen, was wir genauso oder in ähnlicher Form erlebt haben. Mir ist es vor allem wichtig darauf aufmerksam zu machen, dass es für alle Beteiligten nicht einfach ist, für das Baby nicht, aber auch für die Mama und den Papa. Man zieht sich zurück, hat Angst vor jedem Besuch, egal ob man dort hin fährt oder jemand vorbei kommt. Denn mit einem Schreibaby kann es passieren, dass man sich nicht mehr unterhalten kann. Auch ich hatte Besuch, den ich einfach nur die ganze Zeit über das schreiende Baby versucht habe anzulächeln.
Die Zeit und das was passiert ist sitzt tief und hat Wunden hinterlassen. Noch immer bin ich unentspannt, wenn das Baehrenkind anfängt zu weinen. Ich habe Angst, dass es wieder rückwärts geht, dass sie wieder grundlos anfängt wie verrückt zu schreien, knallrot wird, die Hände zu Fäusten ballt und sich wie verrückt durchstreckt. Ich leide mit ihr, jede Träne ist fruchtbar, jede Träne macht Angst, dass vielleicht doch irgendwas mit ihr nicht in Ordnung ist, dass ich doch irgend etwas falsch mache.
Höre ich heute ein Baby schreien, nicht wimmern oder bloß normal weinen, nein richtig schreien, könnte ich in Tränen ausbrechen. Und wenn ich höre, wie schön die Wochenbettzeit ist, wie sehr man es genießen kann mit dem kleinen Wesen zu kuscheln, dann werde ich sehr traurig. Denn für uns war die Wochenbettzeit und die Wochen danach ein Ritt durch die Hölle.
Trotzdem, wir lieben das Baehrenkind. Es ist genau das richtige Kind für uns und ich würde sie nicht mehr eintauschen wollen. Sie hat einen tollen Charakter, den sie immer mehr zeigt. Und sie ist einfach das süßeste Baby auf dem Planeten.
Ich hatte immer gedacht, dass man mit einem Kind ganz schnell Anschluss findet. Auch wenn man mit den anderen Frauen sonst kein gemeinsames Thema hat, über die Kinder kann man ja immer reden. Und so hatte ich auch gedacht, dass ich hier schnell Anschluss finde. Ich hatte gedacht, dass ich mit den Frauen aus dem Vorbereitungskurs locker Kontakt halten kann und dass man sich immer mal wieder treffen kann. Entweder mit allen oder eben nur mit einigen oder auch nur mit einer. Am Anfang sah es auch so aus, als würde es klappen. Doch es klappt gar nicht. Untereinander treffen sie sich immer mal wieder zu zweit, wie ich es verstanden habe, mit mir will sich aber keiner treffen.
Auch so habe ich im Ort noch keinen Anschluss gefunden. Ich weiß nicht, ob es hier außer den Frauen aus dem Vorbereitungskurs keine weiteren Mütter gibt. Auf meinen Spaziergängen habe ich niemanden gesehen, so komme ich gar nicht in die Verlegenheit irgendwie mit jemanden ins Gespräch zu kommen.
Das wäre ja alles nicht so schlimm, denn ich habe ja einige Freundinnen, die zur Zeit auch in Elternzeit sind. Doch bei denen melde ich mich immer wieder, aber es kommt nichts zurück. Ich habe den Eindruck, dass wir uns nur treffen, weil ich immer und immer wieder nachfrage. Ich bekomme auch den Eindruck, dass alle anderen tausende Termine und Freunde haben und nur ich daheim sitze und mich langweile.
Warum sich keiner mit mir treffen will weiß ich nicht. Ich bin etwas merkwürdig, das ist mir bewusst. Ich sage manchmal komische Sachen bzw. bin sehr direkt. Und manchmal bin ich auch unbewusst direkt. Aber ich dachte immer, dass ich ganz nett bin.
Aber vielleicht liegt es auch gar nicht an mir, sondern an dem Baehrenkind und ihrer Schreierei. Die ersten Monate war ich immer angespannt, wenn wir uns mit anderen getroffen haben. Natürlich weiß jeder einen guten Rat und manchmal habe ich darauf auch nicht grade freundlich reagiert. Ich weiß auch nicht, ob viele denken, dass ich zu empfindlich bin, denn in Gesellschaft hat sie ja immer weniger geschrien.
Ich werde es nicht herausbekommen, denn niemand wird es mir sagen. Ich habe noch bis Oktober Elternzeit und so lange werde ich weiter einsam sein und alleine den Kinderwagen über die Felder schieben. Ich melde mich aber auf jeden Fall nicht mehr bei anderen, ich habe keine Lust immer wieder vertröstet oder abgewimmelt zu werden, damit mache ich mich nur kaputt.